DISCLAIMER: Nichts ist wortwörtlich „essentiell“. In diesem Fall heißt es: Sehr hilfreich und zeitsparend, aber nicht unerlässlich.


Erfahrung ist unersetzbar, wenn es darum geht, effizient zu arbeiten. Aber egal, ob man seit einem Monat oder dreißig Jahren dabei ist, schwache Tools bremsen jeden ab.

Nach Jahren der Recherche und des Herumprobierens präsentiere ich nun meine Liste von Plugins und sonstiger Software, die für mich Premiere Pro tagtäglich zu Premiere Pro machen.

Diese Apps und Plugins sollten Editoren aus jedem Bereich helfen und für den jeweiligen Gebrauch das Beste sein, was auf dem Markt ist. Das ist zum Teil natürlich subjektiv, und ich bin immer für Anregungen offen und bereit, diese Liste zu aktualisieren.

Alles, was ich hier präsentiere, ist für Mac- und Windows-Nutzer verfügbar (bis auf Seer, das ein Mac-Feature für Windows simuliert).

Telegram – 0€ 

Wer mich kennt, kann ahnen, warum Telegram ganz oben auf meiner Liste steht. Es ist der beste Messenger für Editoren (und… jeden) aus aller Welt. Und zu gut um wahr zu sein:

  • 1,5GB Dateigrößenlimit (Whatsapp: ~100MB?)
  • eigene Cloud mit unbegrenztem Speicher (Whatsapp: nope)
  • Video- und Audiodateien werden unkomprimiert versendet, Bilder optional (Whatsapp: starke Komprimierung)
  • auf allen Geräten unabhängig voneinander nutzbar (Whatsapp: ständige Handyverbindung erforderlich)

Ich nutze es seit Jahren fast exklusiv, um mit Kunden und Arbeitskollegen zu kommunizieren, weil wir schnell und problemlos Dateien herumschicken können, die man nicht aus Versehen (lokal) löschen kann, da sie auch Jahre später im Chat wiederfindbar sind.

Außerdem nutze ich die App ständig, um mir Dateien von einem Gerät zum anderen zu schicken.

Telegram wurde 2013 vom russischen Unternehmer Pavel Durov als Reaktion zum datenraubenden, funktionsarmen WhatsApp gegründet. Wie macht Telegram Geld? Anscheinend durch Großspenden, aber, wenn wir Herrn Durov’s Vision Glauben schenken, nie durch Werbung, Nutzerdaten oder einen Preis. Seit Jahren staune ich, dass die App so gut funktioniert und bisher all diese Versprechen gehalten wurden.

Wer noch nicht auf Telegram ist, dem rate ich dringend, es auszuprobieren. Sogut wie jede Whatsapp-Funktion hat man dort in tausendmal besser, und unzählige mehr.

Finden kann man mich auf Telegram übrigens als @JoelBarthel. Ach so, noch ein Vorteil: Deine Handynummer musst du mit niemandem teilen, um zu chatten.

Post Haste – 0€

Bevor man ein Projekt startet, muss man es erstmal erstellen. Dazu gehören neben der passenden Projektdatei auch Ordner und ihre Strukturen, manchmal bestimmte Dateien.

Post Haste ist in meinen Augen ein Muss, außer man hat bereits ein gutes System für die Projektorganisation. Das kostenlose Programm muss ich nur starten, dann tippe ich Projekt- und Kundennamen ein und wähle ein Template, entweder auf den Kunden oder eine Art von Projekt maßgeschneidert. Projekt erstellen, und… fertig. Das geht tausendmal schneller als ein altes Projekt zu kopieren, Dateien zu entfernen, das Projekt manuell umzubenennen etc.

PluralEyes 4 – $299

Durch PluralEyes habe ich schon viele Stunden an Arbeit gespart. Premiere bietet auch Audiosynchronisierung an, aber erfahrungsgemäß macht dieses Plugin von RedGiant einen deutlich besseren Job. Es ist wirklich ein Traum, hunderte oder tausende von unorganisierten Video- und Audiodateien von der Software synchronisieren zu lassen und, wenn alles gut läuft, ein Projekt mit einer sauber organisierten Timeline starten zu können. Ich weiß nicht, wie Leute ohne PluralEyes leben können, wenn sie mal mit sieben Kameras und dreizehn verschiedenen Audiospuren arbeiten müssen. Sowas manuell zu synchronisieren ist im wahrsten Sinne des Wortes Zeitverschwendung.

Was macht PluralEyes so besonders? Ich habe das Gefühl, es liest nicht einfach nur Waveformen, sondern hört auch irgendwie mit. Manchmal kriegt es Aufnahmen synchronisiert, bei denen Kamera und Mikrofon einige Meter voneinandner entfernt sind, wobei die weit entfernte Kamera den Sprecher, besonders bei Outdoor-Aufnahmen, kaum aufgezeichnet hat.

iZotope RX 7 (Standard Version) – $399

„Fix it in post“ ist hier ausnahmsweise Programm, und iZotope hat den Industriestandard dafür entwickelt.

Objektiv klingt unser Job für manche langweilig. Wenn ich diesen Leuten was Cooles zeigen will, spiele ich Extrembeispiele vor, in denen RX 7 quasi zaubert: Voice-Over-Aufnahmen, in denen der Sprecher viel zu nah am Mikrofon stand und jedes erdenkliche Geräusch, das aus dem Mund kommt, mit aufgezeichnet wurde (Stichwort: Spucke). RX 7 arbeiten lassen und… Mundgeräusche weg. Kein qualitativer Verlust, nur ein ungestörtes, sauberes Voice-Over.

Sonstige Probleme, die man mit den enthaltenen Plugins lösen kann:

  • Clipping (Übersteuerung)
  • zu viel Rauschen
  • zu viel Hall
  • zu laute S’s, Z’s, Sch’s, Tsch’s, etc.
  • zu laute Plosive

Also Dinge, mit denen man sogar in professionellen Produktionen nicht selten zu kämpfen hat. Manches kann man manuell lösen, aber warum nicht auf die künstliche Intelligenz hinter RX 7 setzen?

Wer noch mehr braucht, kann sich auch RX 7 Advanced holen. Die dort enthaltenen Features sind sehr cool, meiner Erfahrung nach aber seltener notwendig (in meinem Fall keine lohnenswerte Investition).

Soundly – $0-$15/Monat

Es ist schade, dass viele von uns noch nie von Soundly gehört haben: Eine Soundbibliothek, aus der man Sounds direkt in jedes etablierte Schnittprogramm und DAW ziehen kann. Diese Bibliothek besteht optional aus allen Public Domain (frei nutzbaren) Sounds, die es auf freesound.org gibt, einer ebenfalls riesigen Soundly-Bibliothek, und lokal gespeicherten Dateien.

Es gibt für sogut wie alles, was man braucht, einen passenden Sound-Effekt. Selbst kostenlos findet man vieles im Internet, aber Soundly ist besonders hilfreich, da es Arbeitsschritte abnimmt und dazu motiviert, fast schon zwingt, mehr Sound-Effekte zu verwenden. Man muss nur ein bisschen Englisch können, um das Suchfeld gut auszunutzen.

Da es eingeschränkt kostenlos nutzbar ist, empfehle ich jedem Leser, Soundly auszuprobieren. Für 50 Cent am Tag sollte sich der Service für viele Editoren lohnen, da man immens viel Zeit spart.

Creative Cloud (After Effects, Photoshop & Audition) – 0€

Die Creative Cloud ist nicht gerade für Erschwinglichkeit bekannt. Über 700€ muss man im Jahr blechen, um Zugriff auf alle Programme zu erhalten. Manchmal überlege ich, nebenher Fotograf, Designer und Animator zu werden, nur um den Preis besser rechtfertigen zu können.

Aber wenigstens in drei der enthaltenen Apps steckt so einiges drin, was man als Editor manchmal gut gebrauchen kann, und dank Dynamic Link während des Schnitts schnell zur Verfügung steht.

Vorteil: Der Workflow ist in jeder dieser Apps relativ ähnlich und ebenso ebenenbasiert, die Lernkurve dadurch nicht so riesengroß wie woanders.

Audition

Wer ein umfangreiches DAW braucht, wenn die Audio-Tools in Premiere mal nicht ausreichen sollten, ist mit Audition gut bedient. Vor allem das Remix-Feature, das vor ein paar Jahren eingeführt wurde, nutze ich immer mal wieder, wenn ich ein Lied kürzen oder verlängern muss.

Bevor ich’s vergesse: Viele wissen gar nicht, dass Audition eine von Adobe zusammengestellte, wirklich gut versteckte Sound Library enthält. Über diesen Link kann man direkt zugreifen.

After Effects

After Effects sollte den meisten als starke VFX-Software bekannt sein. Für mich persönlich ist es genauso wie Audition eher ein erweiterter Effekte-Panel, in diesem Fall eben für Videoeffekte. Vor allem Greenscreens und Bluescreens lassen sich mit Keylight besonders gut entfernen (hier ein Tutorial, wie man’s wirklich aufs genaueste ausschöpft und sogar bei ungünstigen Drehkonditionen ein sehr sauberes Ergebnis erzielen kann), aber besonders gern setze ich auf die etwas umfangreichere Verkrümmungsstabilisierung (Warp Stabilizer), bei der ich in After Effects Tracking-Punkte mit einbeziehen kann, um bei Aufnahmen mit bewegten Motiven saubere Ergebnisse zu bekommen. Hier ein Tutorial, das das ausführlich erklärt und einen zusätzlichen Workflow aufzeigt.

Photoshop

Eigentlich kein Videojob, aber wenn man mal Thumbnails erstellen muss oder möchte, kommt Photoshop sehr gelegen. Die Tools sind heute so intelligent, dass sie einem viel Arbeit abnehmen. Zum Beispiel kann Photoshop das Motiv eines Bildes automatisch auswählen (praktisch, wenn man eine Person im Vordergrund ausschneiden möchte).

Wie gerufen kommt Photoshop auch wenn man Bilddateien in einem Videoprojekt einfügen möchte, der Hintergrund aber noch bspw. weiß und nicht transparent ist. Mit Photoshop ist das schnell geändert und man kann schnell PNGs exportieren, oder gleich die Photoshop-Datei verwenden.

DaVinci Resolve 16 – ca. 300€

Wer sich die Creative Cloud nicht leisten kann oder möchte, ist mit Resolve meistens gut bedient. Aber da es hier um Premiere-Nutzer geht, möchte ich Resolve nicht als Schnittprogramm, sondern als zusätzliches Toolset empfehlen.

Besonders hilfreich ist es, dass Resolve die GPU deutlich besser nutzt als Premiere. So kann man Bildrauschen blitzschnell entfernen, statt auf starke, aber sehr langsame Drittanbieter-Plugins wie Neat Video setzen zu müssen.

Da Resolve der klare Color Grading Standard in Hollywood ist, kann man die stärksten Farbtools auf dem Markt erwarten. Persönlich bin ich mit Lumetri mittlerweile äußerst zufrieden, aber für selektives Color Grading ist Resolve besonders gut, vor allem weil es z.B. Gesichter schnell und zuverlässig trackt, die man dann einzeln bearbeiten kann.

Es ist unglaublich, wie schnell Resolve große Updates bekommt und sich zurzeit rasant zu einem der Haupt-Schnittprogramme entwickelt. Der niedrige, einmalige und lebenslange Updates gewährende Preis dürfte ein Faktor sein, aber man kann auch nicht übersehen, wie funktionsreich die Software schon geworden ist (auch wenn viele Features noch in den Kinderschuhen stecken).

Seer (Windows) – $12,18

Seer ist eine simple, aber für Windows-Nutzer fast unabdingbare Software die nichts weiter tut als die Leertasten-Vorschau aus OSX für Windows-Rechner zu simulieren. Auch PDFs, PSD-Dateien und verschiedenste Videoformate werden unterstützt, weshalb sie für Videomenschen besonders praktisch ist.

Wer nicht weiß, was gemeint ist: Wenn man auf einem Mac-Rechner bei einer ausgewählten Datei die Leertaste drückt, öffnet sich blitzartig eine Vorschau der PDF, des Bildes, Videos, Audios etc. ohne die Datei in irgendeinem Programm öffnen zu müssen.

Seer gibt es auch als kostenlose Variante, dabei handelt es sich einfach um eine ältere Version (0.8.x); wer bezahlt, bekommt die neuesten Updates.

Divvy ($13,99)

Auch sehr simpel: Divvy hilft dabei, Fenster schnell anzuordnen. Einfach Alt + X drücken und mit der Maus schnell den Bildschirmbereich markieren, auf den das gewählte Fenster verschoben wird.

Essential Motion (0€)

Piotr und ich haben Ende 2019 nichts erfunden, was die Welt nicht schon kannte. Wir haben in erster Linie ein Produkt entwickelt, das Arbeitsschritte für Zooms und weitere simple Bewegungseffekte in Premiere, die man ständig nutzt, reduziert. Ich kann mir niemanden vorstellen, der Premiere nutzt und nicht davon profitieren würde.

Mehr als 9,000 Menschen weltweit haben schon zugegriffen und ich bereue manchmal ein bisschen, dass wir nicht wenigstens 1€ dafür verlangt haben; dann könnte ich mir jetzt iZotope RX 7 Advanced (und ein paar Zigarren) kaufen.


Diese Liste enthält nur die universalen Tools, die meiner Meinung nach fast jeder Editor besitzen sollte. Es gibt noch viele weitere gute Plugins, aber für spezifischere oder seltener nützliche Zwecke. Wer etwas sucht, kann mich gern anschreiben und womöglich kann ich helfen: mail@joelbarthel.de (oder schreib mir doch gleich auf Telegram!)

Ansonsten kann ich jedem empfehlen, Scott Simmons‘ Blog-Reihe „Useful Tools for Editors“ auf ProVideo Coalition zu folgen, auf der ich schon einiges, wie z.B. Post Haste und Soundly, entdecken durfte.