DISCLAIMER: Im Titel geht es zwar um Premiere, aber es könnte auch heißen: „In Defense of Adobe Premiere – und irgendwie auch Final Cut Pro X.“ Das war nicht meine Absicht, trägt aber mehr zum Thema bei.


Ich weiß, wie überzeugt viele Editoren sind, und es wird auf die ein oder andere Weise ständig wiederholt: „Tools don’t matter.“ Ich widerspreche.

Da ich 2010 zum ersten Mal mit iMovie in Kontakt kam und zwei Jahre später mit demselben Schnittprogramm meine „YouTube-Karriere“ startete, war der baldige Umstieg auf Final Cut Pro X sehr leicht. Es ist nicht einfach ein besseres iMovie, sondern ein eigenständig wunderschönes Schnittprogramm. Einsteigerfreundlich, intuitiv und gerade umfangreich genug. Sven von This Guy Edits, dem größten Filmschnitt-Kanal auf YouTube, arbeitet wenn möglich ausschließlich damit; dazu zählen sowohl die Spielfilme und Dokus, deren Postproduktion er auf seinem Kanal öffentlich teilt, als auch die Videos selbst.

Passenderweise hat Sven ein sehr gutes Video erstellt, das erklärt, warum FCPX ein unglaublich unterbewertetes Programm ist:

Man wird ein reines Talking-Head-Video nie so schnell und intuitiv schneiden können wie mit dieser Software.

Die magnetische Timeline, so hoffte man bei Apple, würde die Industrie revolutionieren. Doch konnte sich die Editing-Community nicht ganz begeistern lassen und regt sich noch heute darüber auf, dass Apple vom traditionellen Weg abgekommen ist.

Final Cut Pro X hat zwar mittlerweile viele treue Nutzer, doch die finden sich überwiegend im Hobby- oder semiprofessionellen Bereich wieder (viele YouTuber). Nur selten sieht man einen damit geschnittenen Film im Kino, gar irgendetwas im TV.

So schade ich das finde, und Final Cut hat durchaus seine Schwächen (doch die sind schnell aufgezählt), sah ich mich beim Betreten der Industrie gezwungen, auf Premiere umzusteigen. Fast jeder, mit dem ich arbeite, ist damit zugange und entsprechend muss ich mitmachen.

Goodbye Final Cut, Hallo Premiere Pro

Was erst ein durchaus schmerzhafter Abschied von Final Cut war, erwies sich auf lange Sicht als äußerst angenehm. Ich liebe den Konkurrenten Adobe Premiere (trotz des teils grausigen Cloud-Systems, in dem ich für ~20 weitere Programme mitbezahle, die ich sogut wie nie nutze).

Es hat etwas gebraucht, doch ich habe mich im Laufe der Zeit richtig gut eingefunden.

Stockholm-Syndrom oder tatsächlicher Sinneswandel? Nach tagelangem Vergleichen mit anderen Schnittprogrammen kann ich Premieres Vorzüge mit einem Wort beschreiben:

Flexibilität. Die macht das Programm erstmal (scheinbar) etwas kompliziert. Die Lernkurve ist groß, doch es zahlt sich aus.

Ich kann u.a. recht flüssig mit vielen verschiedenen Codecs (die Auswahl ist riesig, der ProRes-Support auf Windows ebenfalls erwähnenswert) und Framerates in ein und demselben Projekt arbeiten.
Sequenzeinstellungen kann ich zügig nachträglich anpassen (Vorschaucodec, Frame- und Samplerate, Framegröße, etc. – Resolve hatte bis vor kurzem etwa eine feste, nicht änderbare Projekt-Framerate). Dazu kommt die praktische Verlinkung zu After Effects, wenn man doch mal einen Shot manuell stabilisieren oder künstliches Licht erstellen möchte. Die voll funktionsfähige DAW Audition ist auch erwähnenswert.

Am Ende des Tages sind es aber nunmal die (in Textform schwer ausführbaren) Kleinigkeiten, die eine Software und die tagtägliche Erfahrung ausmachen. Bei 8h+ am Rechner würde ich sagen, dass Software schon wichtig ist und die Tools mattern.

(Beispiel: Gutes, weiches Toilettenpapier ist zwar nur eine Kleinigkeit, bereichert ein Menschenleben jedoch immens, auch wenn ein DIN-A4-Blatt die selbe Aufgabe erfüllen kann.)

Man kann ein noch so großer Premiere-Fanboy sein und bei Abstürzen, seltsamem Verhalten des Programms oder „unbekannten Fehlern“ mit dem Finger auf den Nutzer, dessen Workflow oder die genutzte Hardware deuten, doch es ist unbestreitbar: Premiere-Nutzer sind die unzufriedensten was die Stabilität betrifft. Ja, die meisten ihrer Probleme sind auf das Workflow oder Halbwissen zurückzufuhren (bei mir bisher zu über 90%), doch das ist nunmal der große Nachteil der ebenso großen Lernkurve. Mehr Freiheit, mehr Probleme. Aber eben auch mehr… Freiheit! Wer darauf keinen Wert legt, für den ist das „riskante“ Premiere wahrscheinlich sowieso nichts.

Zu Adobes Verteidung muss ich aber auch sagen, dass man häufig irrationale Kritik an der Stabilität sieht. Man darf nicht vergessen, dass der funktional nächste Konkurrent von Avid auch kein Seilläufer ist; und was DaVinci Resolve an Ambition hat (nämlich absolut alles an Postproduktion in ein einziges, preisgünstiges Programm zu verpacken – mit dem gerade erschienenen Resolve 16 sogar optional die magnetische Timeline), hat es auch an Kinderkrankheiten.

Der wohl wichtigste Punkt, den ich in Diskussionen nie erwähnt sehe, ist die Tatsache, dass Premiere andere Nutzer hat als der Media Composer von Avid. Ich habe keine Statistik dazu, aber ich würde meine Hand ins Feuer legen um zu behaupten, dass letzterer (im Schnitt) eine deutlich professionellere Zielgruppe hat; allein dadurch, dass er in entsprechenden Produktionen dominiert. Das ist kein unwichtiger Punkt, wenn’s um Stabilität geht; die ist grundsätzlich nicht gewährt, wenn die technische Erfahrung fehlt, was bei Premiere-Nutzern viel öfter der Fall ist.

Und solange Adobe sich weiterhin traut, Updates vor großen Publika mit Live-Demos zu präsentieren, Premiere-Experten wie Vashi Nedomansky darin ganze Filme in 6K schneiden oder Walter Murch, der Editor-Gigant der zwei Oscars für einen Film gewinnen kann, Premiere bevorzugt, mache ich mir keine Sorgen.

Image courtesy of Vashi Nedomansky, ACE

Ich kenne keine Statistik zu diesen Vergleichen (wenn’s eine gibt, immer her damit!), deshalb beruht sowieso alles auf Erfahrungen. Wir sollten jeden unter uns respektieren, der was Neues ausprobiert (Resolve) oder sich aufs Altbewährte verlässt (Avid MC). Objektiv kann ich jedoch sagen, dass Premiere an Freiheit/Flexibilität ungeschlagen ist (fordert mich gern heraus). Wie sich das in den kommenden Jahren entwickelt, gerade mit den rasanten Innovationen von DaVinci Resolve, weiß keiner.

Fazit

Was habe ich gegen den Spruch „Tools don’t matter“? Ganz einfach, mit einer Axt werde ich einen Baum schneller fällen als mit einem Löffel. Einen so erheblichen Unterschied gibt es unter Schnittprogrammen zwar nicht (und ja, unendlich Geschwindigkeit ≠ schneller denken), doch Feinheiten können nicht nur die Erfahrung verbessern, sondern, meine Theorie, das Endprodukt beeinflussen. Das habe ich persönlich daran gemerkt, dass ich in Final Cut für Talking-Head-Videos fast überall J-Cuts verwendet habe, meist nur für ein paar Frames (was bei einem 10-Minuten-Video immerhin ein paar Sekunden spart), weil es vom Programm gegeben ist und kaum Arbeit bereitet. Seit ich Premiere nutze, verzichte ich überwiegend darauf, außer dort wo ich’s wirklich brauche und sich die Klickerei lohnt – nicht unbedingt ein Schritt nach vorn, aber ich muss auch zugeben, dass ich’s mit den J-Cuts manchmal übertrieben habe. Und ja, meine Timelines sahen oft aus wie Pyramiden. In Premiere wiederum setze ich viel mehr auf kleinere, unauffällige Details, etwa in der Geschwindigkeit oder Bewegung der Bilder.

Am Ende des Tages muss jeder für sich selbst entscheiden, was einem die meiste Freude bereitet und zum besten Ergebnis führt. Aber aufgrund eigener, schlechter Erfahrungen eine Software zu verteufeln, bringt nicht nur niemanden weiter, es ist auch kindisch und irrational. Wenn man an fehlenden Funktionen Kritik übt oder belegen kann, dass Adobe absolut die Schuld an einem größeren Problem trägt, ist das etwas anderes. Sieht man aber selten (an dieser Stelle muss ich ihn erwähnen: Dave Cooper, der Adobe um $250,000 verklagt hat, weil sein Rohmaterial verschwunden ist – und dem Backups scheinbar fremd sind).


Falls Du das gerade liest und mit Premiere Schwierigkeiten hast, so kann ich folgende Facebook-Gruppen empfehlen, um Hilfe zu bekommen:

Deutschland: https://www.facebook.com/groups/premierepro.ug.de/

International: https://www.facebook.com/groups/adobepremierepro/

Wichtig: Immer vorher nach dem Problem suchen, bevor du um Hilfe bittest. Hier schenken Leute ihre Zeit, und die soll nicht verbraucht werden, um dasselbe Problem ein hundertstes Mal zu lösen.

Mein Kollege Piotr beschäftigt sich auf seinem Kanal fast ausschließlich mit Premiere. Außerdem hat er ein workflow-stärkendes eBook verfasst, an dem ich mithelfen durfte (14-Tage-Rückgabegarantie, was will man mehr?).


Wenn ich in diesem Artikel falsche Aussagen gemacht habe oder etwas korrigieren oder ergänzen sollte, wäre ich für dein Feedback dankbar (oder auch jederzeit für Fragen verfügbar): mail@joelbarthel.de