In der Film- und Videobranche haben die meisten gemeinsam, dass sie ein Hobby zum Beruf gemacht haben. Natürlich gibt es manche, die nicht ganz wussten wohin und sich dann darin zuhause gefühlt haben.

Auch ich habe viel und lange überlegt, ob ich nicht doch einen richtig anerkannten, fair behandelten Job anstreben soll. Und wenn schon Film, dann vielleicht Regisseur, womit man auf einer sichereren Seite wäre. Doch ich habe mich bewusst für den Beruf des Editoren entschieden und mich darauf eingelassen, dass mein Job eben nicht viel Beachtung findet, dessen Anforderungen schnell unterschätzt werden und wo die Bezahlung in der Regel alles andere als stimmt. Aus Liebe zum Film und dem kreativen Schaffen.

Nun kommt es dazu, dass es in der Regel (definitiv mit Ausnahmen) die Introvertierten sind, die sich lieber vor dem Computer aufhalten als auf dem Drehplatz, um dutzenden von Menschen Anweisungen zu geben. Für viele sind wir nur Tastendrücker, die irgendwelchen Anweisungen folgen. Leider sind viele von uns nicht besonders gut darin, Auftraggeber, Produzenten oder Vorgesetzte davon zu überzeugen, dass das nicht der Fall ist und ein Film im Schnitt zum dritten Mal geschrieben wird. Das ist kreative Arbeit, die Erfahrung, Rhythmusgefühl, Geduld und eintausend andere Dinge, die Filme zu Filmen machen, erfordert. Doch sind wir eben die tendenziell Introvertierten. Kein Wunder also, dass wir nur etwa halb so viel verdienen wie Kameraleute.

Wir alle haben gemeinsam, dass wir bewegte Bilder abgrundtief lieben und niemals in die Branche gekommen sind, um den amerikanischen Traum zu leben. Es ist die Freude, die wir an der Ausübung des Berufs empfinden. Und da ist es logisch, dass man der Arbeit willen anfängt, überhaupt zu arbeiten und sich nicht überwiegend mit Geld auseinandersetzen möchte. Selbst die talentiertesten unter uns streben ständig nach einer Verbesserung ihrer Fähigkeiten; nicht nach dem größten Haus, dem schönsten Auto oder anderen Dingen. Es ist darum schade, dass es dennoch am Geld scheitert, wo es doch nie unser primäres Ziel war, welches zu verdienen. Der Traum liegt darin, das zu machen, was man liebt und davon leben zu können.

Es wäre hedonistisch zu sagen, dass jeder seinen Traum leben dürfen sollte. Das soll schon verdient sein. Ich bin in meiner bisher kurzen Laufbahn schon durchaus Leuten begegnet, die Filme machen aber nicht lieben. Ich weiß, dass sie langfristig keinen Erfolg haben werden, weil sie nur den Trends folgen, von Filmgeschichte überhaupt keine Ahnung haben (wollen) geschweige denn davon, wieso Bewegtbild überhaupt ein so wichtiges Medium ist und nur wissen, dass sich damit Geld verdienen lässt. Doch solche sind nicht die Regel und manche von ihnen finden dann sogar auf ihrem erstmal finanziell bewegten Weg die Liebe zum Film und werden dann doch noch gut in ihrem Beruf. Dass sie in erster Linie eine Ausnahme darstellen, sollte aber schon dadurch klar sein, dass die Videobranche (nicht die konventionelle Filmbranche, da kommt man als Nicht-Liebhaber gar nicht durch) nicht die einfachste ist, gerade was eben Geld verdienen angeht. Deshalb gibt es auch viele Videoproduktionsfirmen, die sich nach nur wenigen Jahren wieder auflösen (und dann ihr gesamtes Equipment auf Kleinanzeigen verkaufen).

Letztens bin ich einer Preisausschreibung eines nicht genannten US-amerikanischen Videoproduktions-Unternehmens begegnet. Ich war etwas schockiert. Pakete von 150 bis 500 US-Dollar für eine Musikvideo-Produktion. Im „teuersten“ Paket enthalten sind drei Locations, in denen jeweils fünf Szenen gedreht werden, das ganze in 8 Stunden. Inklusive sind Drohnenaufnahmen, Color Grading, sogar ein zusätzliches Promo-Video und weitere Leistungen. Für $500.

Nun, ich will die Person(en) hinter diesem Unternehmen nicht verurteilen. Es ist eigentlich nur ein perfektes Beispiel für Leidenschaft gegenüber finanziellem Überleben. Man kann davon ausgehen, dass es sich um ein junges Team handelt, das sein Hobby zum Beruf gemacht hat und entweder noch keine regulären Ausgaben hat oder einfach wirklich am Anfang steht und sich mit Geld noch nicht auseinandergesetzt hat. Ich kann das verstehen. Ich bin selber gerade erst 20 geworden, habe vor knapp über einem Jahr angefangen und wusste zu Beginn auch nicht, was falsch sein soll mit einem Stundenlohn von 15€. Als Selbstständiger, wohlgemerkt. Lernt man ja auch nirgendwo, in den vielen Jahren Schule sowieso nicht.

Dann kam das Finanzamt. Dann die Krankenkasse. Dann die Hardware. Dann die Software. Bald kommt die Miete, das Essen, das Trinken, die Fortbewegung… das Leben. Es kostet Geld.

Als mir das bewusst wurde und ich mich weiter mit dem Thema beschäftigt habe (danke Caro für die Buchempfehlung, die ich hier gleich weitergebe), war mir klar, dass es sich nun weitaus schwerer gestalten würde als ursprünglich geplant. Ich war schon immer eher optimistisch, doch sich die Zahlen und Fakten anzusehen und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass man einfach weniger verdient als man dürfte, nimmt einem diese Neigung weg.

Ich habe kürzlich erst einen Fehler gemacht. Ich habe ein großes Projekt angenommen, das bezahlungstechnisch eher eine kleine Entlohnung für eine leidenschaftsorientierte Tätigkeit darstellte als eine Bezahlung. Dem Diagramm dieses Beitrags entsprechend habe ich mit dem Kunden vereinbart, flexibel an dem Projekt zu arbeiten, damit ich’s annehmen könne. Das heißt, dass ich andere Projekte nicht vernachlässigen werde und mit eigenem Tempo arbeite, anstatt klassisch mit so und so vielen Wochenstunden. Es würde bedeuten, dass ich das Projekt gut und günstig bearbeiten kann, aber nicht schnell. Leider war ich dem Kunden dann zu langsam und es kamen Missverständnisse auf, die dazu geführt haben, dass ich das Projekt eigenhändig verlassen musste, da sich der Umfang um ein vielfaches vergrößert hat und ich wahrscheinlich noch 2025 daran sitzen würde. Fakt ist: Man kann ein Projekt nicht schnell, gut und günstig bearbeiten. Man suche sich zwei aus, drei gehen nicht. Das ist eine Regel der Branche. Nur bei Nicht-Berufstätigen, die in ihrer Freizeit Filme machen und keine Ausgaben haben, ist sowas möglich.

Jedenfalls habe ich das Projekt zu Exposure-Zwecken angenommen. Ich dachte, es sei eine coole Referenz, eine Spielfilm-Dokumentation für’s Kino geschnitten zu haben. Und vor allem eine gute Erfahrung. Und auch wenn das alles stimmt: Am Ende des Monats hat man Ausgaben und die wollen gedeckt werden. Ja, ich liebe Filme, aber ich habe auch Rechnungen zu bezahlen, und dafür muss ich Rechnungen stellen. Das ist der Kreislauf des selbstständigen Lebens.

Es ist für den Individuellen sehr schwierig, sich für gerechte Bezahlung einzusetzen. Selbst wer sich mit dem Thema beschäftigt und weiß, was verdient werden muss, um auch langfristig von dem Beruf/Hobby leben zu können, lässt sich am Ende oftmals doch auf Lohndumping ein; getarnt als „Kompromiss“ oder als Folge von Liebkoserei mit dem Kunden oder dem „armen“ Produzenten der ja ein „niedriges Budget“ hat (interessanterweise nur für die Postproduktion). Und es solle doch alles „Spaß machen“ und es ginge nicht ums Geld.

Doch, leider geht es ums Geld. Das ist die harte Wahrheit, mit der Menschen konfrontiert sind die ein Zuhause brauchen, Arbeitsausgaben haben und Steuern und Krankenkassenbeiträge zahlen müssen. Deutschland ist nicht billig, Filme erst recht nicht.

Ich habe gelegentlich schon meine Zweifel gehabt, ob ich langfristig weitermachen könne. Durch die ganze Geldsituation habe ich manchmal sogar fast vergessen, warum ich überhaupt erst angefangen habe.

Es ist ein leidiges Thema, und ich bin froh, Mitglied des BFS-Verbandes zu sein. Der BFS setzt sich mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern für Editoren und Schnittassistenten ein, indem er uns direkt unterstützt, aber in erster Linie im Hintergrund mit Sendern, Produktionsfirmen, Gewerkschaften etc. verhandelt.

Ich möchte an dieser Stelle aber auch sagen, dass es nicht effektiv ist, auf Lohndumper wütend zu werden. Wir alle waren mal jung und unerfahren und mussten erstmal den Weg reinfinden. Wir müssen bei diesem Thema zwar direkt zueinander sein, uns aber auch mit offenen Armen begegnen und nicht aufeinander lostreten, weil wir uns effektiv gegenseitig ein Bein stellen, indem wir uns preislich in einem viel zu niedrigen Bereich bewegen (müssen). Es ist ein Teufelskreis, in dem kein Einzelner beschuldigt werden kann. Und ja, wir arbeiten in einem freien Markt, alles ist theoretisch legitim.

Und an alle jungen Kollegen, die ebenfalls gerade am Anfang stehen, oder die, die noch gar nicht angefangen haben: Verkauft euch nicht unter Wert. Informiert euch so ausgiebig es geht mit dem öden, finanziellen Teil eures Jobs, lest ein paar Bücher oder Artikel dazu; wenn ihr eine Basis habt, könnt ihr selbstbewusster verhandeln und für gerechte Preise einstehen. Erst dann, wenn ihr einen vorher als zu hoch angenommenen Preis als gerechten Preis empfindet, seid ihr bereit dazu.

Minimiert eure leidenschaftlichen Exposure-Projekte so sehr ihr könnt und versucht Leidenschaft und Geld verdienen nicht voneinander zu trennen. Es muss nicht immer nur das eine sein!

Und seid in der Lage, auch mal nein zu sagen. Auch wenn es wehtut. Denkt langfristig. Ihr wollt wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren euer Hobby zum Beruf haben.


Den Beitrag habe ich geschrieben, um eine eigene Stellungnahme zu dem Thema veröffentlicht zu haben und mich in zukünftigen Diskussionen darauf beziehen zu können. Ich lade auch Kollegen dazu ein, hierauf hinzuweisen, falls es hilfreich erscheint. Ich habe es als Sichtweise verfasst, nicht als wissenschaftliches Schreiben.

NACHTRAG 16.05.18:

Das Alter, die Erfahrung.

Ich bin dem Argument begegnet, dass man ja als Neuling gar nicht so viel verdienen dürfe wie jemand mit Erfahrung. Besonders, wenn das aus Kundenseite kommt, kann man sich fragen: „Wieso? Und wieso willst du mit mir zusammenarbeiten?“ In dem Moment, in dem ein Kunde Interesse an einem zeigt, sollte einem klar sein, dass man für den Job qualifiziert ist. Es gibt keinen Grund, das Alter oder die bisherige Erfahrung in Betracht zu ziehen. Würde der Kunde jemanden wollen, bei dem beide Kriterien höhere Zahlen aufweisen, würde er sich bei entsprechenden Leuten melden. Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass er Geld sparen will; Fakt ist jedoch, dass du nicht einfach nur dich verkaufst, sondern deine Dienstleistung. Der Kunde will, dass X getan wird. Ihm ist eigentlich egal, ob A, B oder C X tut, solange X getan wird. Bezahlt wird nicht für A, B oder C, sondern für X. Erst recht in einem freien Markt und als Selbstständiger wäre es wirr, weniger für X zu verlangen, wenn man X als A genauso gut meistert wie B oder C. Wonach der Kunde dann noch beurteilen kann, ist Persönlichkeit. Deshalb: Sei immer nett und gib dem Kunden auch außerhalb deiner Leistung einen Grund, dich zu buchen und mit dir zusammenzuarbeiten. Oft ist es genau das, was langfristige Arbeit verspricht. Keiner will mit talentierten Pennern zusammenarbeiten.

Wo ist nun der Vorteil für Leute, die sehr wohl das Alter und die Erfahrung haben? Sie wissen besser, wo sie gute Arbeit kriegen, haben meistens lang etablierte Beziehungen und müssen viel weniger Akquise-Arbeit leisten. Außerdem sind sie für mehr Situationen gewappnet und kriegen in der Regel auch Arbeit, die bei jüngeren Leuten nicht angefragt wird. Erst recht bei geringerer Nachfrage wäre es also dumm von mir, meinen Lohn auch noch zu reduzieren. Das tut keinem gut.